Das Bild des Menschen vom Jenseits ist Teil der Kulturgeschichte und seiner Glaubensvorstellung. Es zeigt sich in Gemälden, Gedichten, Geschichten und Liedern. Dennoch können solche Werke immer nur Mutmaßungen, Fantasien und Möglichkeiten bleiben, da Leben und Tod sich gegenseitig ausschließen.

Gewässer der Unterwelt

Monotheismus vs. Neopaganismus

Für viele, vor allem für religiöse Menschen, besitzt das Jenseits auch Furcht einflößende Facetten, die in Form von Höllenbilder Gestalt finden. Die Vorstellung von der Welt, die nach unserer kommt, scheidet sich dabei in Gut und Böse, in Himmel und Hölle.

Persönlich muss ich mich von den Schreckensbildern einer christlichen Fegefeuer-Metaphorik, die in den Geschichten meiner Kindheit durchaus präsent war, weit entfernen.

Meine eigenen Jenseitsvorstellungen sind stark beeinflusst von meiner Haltung zu Tod und Sterben, die maßgeblich von den Lehren des antiken griechischen Philosophen Epikur beeinflusst wurden. Epikur geht davon aus, dass der Mensch keine Angst vor dem Tod haben muss, da dieser kein Teil des Lebens ist. Er zieht eine klare Grenzlinie zwischen Tod und Leben, die zwar ineinander übergehen, aber dennoch voneinander getrennte Bereiche sind. Seiner Anschauung nach ist der Tod nicht anwesend, solange es den Menschen gibt; sobald aber der Tod anwesend ist, gibt es den Menschen nicht mehr: Dieser Vorstellung entsprechend ist es nicht notwendig, sich vor dem Tod zu fürchten, da es ihn in der Zeit des eigenen Lebens nicht gibt.

Loslösung vom Erdenleben

Denkt man nun gemäß dieser Trennlinie weiter, muss das Jenseits auch keine Schreckensbilder beinhalten, da es ein vom menschlichen Leben abgetrennter Bereich und von diesem klar zu unterscheiden ist. Meine persönliche Vorstellung davon ist keine Fortführung oder Fortsetzung des Erdenlebens, sondern eine Loslösung. Diese Idee findet sich auch schon in den eindrucksvollen Bilderwelten der griechischen Mythologie, die vor allem die Unterwelt, das Reich der Toten, sehr anschaulich gestaltet.

Wasser des Vergessens

Besonders eindrucksvoll ist dabei für mich das Bild der Flüsse in der Unterwelt: Über den Fluss Styx wird man vom Fährmann gebracht, man setzt über, um auf die andere Seite, in ein anderes Reich zu gelangen. Der Fluss fungiert hier wie die trennende Linie, die Epikur zwischen Leben und Tod zieht. Noch interessanter aber wird es, wenn man sich den anderen Fluss der mythologischen Unterwelt in Erinnerung ruft: Lethe. Dabei ist die Erinnerung bereits das passende Stichwort, denn Lethe ist der Fluss des Vergessens.

In der Sagenwelt der Griechen heißt es, dass der Verstorbene, der ins Schattenreich wandert, von diesem Fluss trinken muss, um sein irdisches Leben zu vergessen. Sein menschliches Ich, sein Charakter, seine Eigenschaften und seine Erinnerungen werden mit dem Trinken aus diesem Fluss von ihm genommen, sie gehen in das Wasser der Lethe über und rinnen davon.

Diese Vorstellung hat für mich wenig Beängstigendes und deckt sich mit meiner persönlichen Sicht: als Loslösung vom Irdischen. Ich stelle mir die Dimension nach dem Tod weniger als tatsächlich anschaubare Welt oder Landschaft vor, viel eher als körper- und hüllenloses Sein von Ideen und Gedanken. Möchte man sich diese Vorstellung dennoch ausmalen, um sie anschaulicher und greifbarer zu machen, könnte man wohl von Endlosigkeit, von Verschmelzung und von weißem Licht sprechen.

Unendliches Meer

Sucht man dafür ein passendes Pendant in unserer irdischen Welt, könnte man am ehesten das Meer heranziehen, das für mich Unendlichkeit, Verschmelzung und Transzendenz symbolisiert: Es ist Werden und Vergehen, die Schaumkronen der Gischt sterben jedes Mal aufs Neue, sobald sie den Strand, das irdische Leben, berühren. Und dennoch entstehen immer wieder neue Schaumkronen, entstehen immer wieder neue Wellen, wie auch immer wieder neues menschliches Leben entsteht.

Aber dieses Leben ist anders, ist neu, und es weiß nichts mehr von der Gischt, die dort an der Trennlinie zwischen Wasser und Land ihr Ende gefunden hat. Das Meer verschmilzt in der Ferne mit dem Himmel, mit dem Horizont, und vielleicht könnte man sich auch das Jenseits vorstellen wie ein endloses Meer. Wasser war der Ursprung des Lebens, es besitzt Symbolkraft und viele Geschichten und Sagen ranken sich um seine Tiefen und Geheimnisse. Das Wasser ist für mich das Element, das meiner Jenseitsvorstellung entspricht, wenn ich sie mir in Bildwelten übersetzen möchte; auch die Unterweltflüsse ziehen ja eine Grenzlinie zwischen Leben und Tod.

Ruft man sich in Erinnerung, dass in vielen Religionen und Kulten Wasser auch für Initiationsriten und Taufen verwendet wird, die ja in gewisser Weise einer spirituellen Geburt gleichzusetzen sind, kommt dieser Idee eine zyklische Bedeutung zu.