Ich verlasse meinen Körper und betrachte ihn ein letztes Mal. Vor mir liegt eine überflüssige Hülle - zwar habe ich mich jahrzehntelang darin wohl gefühlt, doch nun nehme ich ohne Wehmut Abschied. Ich bin auf dem Weg in eine neue Welt.

Antworten in einer neuen Welt

Feinstoffliche Wahrnehmung

Zunächst verzaubert mich der Duft. Ich rieche eine Fülle von Aromen, leicht und schwerelos. Ein Hauch von Orangenblüten mit einem salzigen Unterton, wie eine frische Meeresbrise, begleitet meine ersten Schritte ins Jenseits. Licht dringt von allen Seiten auf mich ein, ohne mich zu blenden. Es strahlt heller als der hellste Morgen, es leuchtet funkelnder als alle Sterne am Firmament. Klänge kommen dazu. Eine traumhafte Symphonie, Harfen und Trommeln, Geigen und Klarinetten. Darüber hinaus dringen Instrumente an mein Ohr, die ich nicht benennen kann. Über dem Klangteppich schweben Stimmen. Kinder summen und singen, sie heißen mich willkommen an diesem verzauberten Ort.

Die Luft ist weich und anschmiegsam. Sie bettet mich ein und verleiht mir ein Gefühl unglaublichen Wohlbehagens. Die Landschaft um mich herum verführt dazu, hier nie wieder weg zu wollen. Die höchsten Berge türmen sich auf und sind dennoch leicht zu besteigen. Die tiefsten Meere geben Einblicke frei bis auf den Grund. Blumen in Hülle und Fülle säumen die Pfade. Auf Sanddünen wachsen Bäume mit schmackhaften Früchten, verlockend und saftig. Tiere der verschiedensten Arten tollen über grüne Weiden, Löwen und Kaninchen leben im Einklang miteinander.

Wiedersehen in einer neuen Welt

Hier herrscht Frieden. Ich breite meine Arme aus und möchte diese Welt umfassen. Dabei fällt mein Blick auf meine Hände, doch ich sehe sie nicht. Ich bin durchsichtig, nur noch eine transparente Seele. Doch ich kann andere Menschen erkennen. Sie geben sich als Menschen zu erkennen, indem sie auf mich zukommen und mich begrüßen. Jetzt ist der Augenblick gekommen, auf den ich so lange gewartet habe.

Ich treffe auf alle Menschen, die mir jemals in meinem Leben begegnet sind. Sie befinden sich in einer anderen Daseinsform, sie sind alterlos und geschlechtslos. Sie sehen nicht wie Menschen aus, sind ihrer früheren Erscheinung nicht einmal äŠhnlich. Und doch kann ich sie genau unterscheiden, ich weiß auf Anhieb, wer sie sind. Meine Familie erwartet mich, Großeltern, Urgroßeltern und Verwandte weit darüber hinaus. Es sind ungeborene Kinder dabei, die hier ein glückliches Sein erleben. Freunde, Nachbarn, Kollegen - die Schar ist unendlich groß. Wir reden nicht miteinander, sondern senden uns unsere Gedanken. Manches, was im Leben unausgesprochen blieb, findet jetzt eine neue Form des Austauschs.

Der Ort, an dem es Antworten gibt

Sanfte Wellen des Glücks und der Zufriedenheit umfangen mich. Doch dann lockt mich ein weiterer Ort, ganz hinten in der Ferne. Viele der Wesen, die hier leben, strömen dorthin. Ich schließe mich an, bin magisch angezogen von der Stelle, die fast hinter dem Horizont verschwindet. Dort wartet das Verständnis, ich weiß es, ohne dass es mir jemand gesagt hat. An diesem Ort wird sich all das aufklären, was im menschlichen Leben Fragen und Unverständnis aufgeworfen hat.

Je näher ich dieser Stelle komme, umso sicherer wird mein Gang. Ich überquere sumpfiges Gelände, doch meine Füße scheinen über dem Morast zu schweben. Sie hinterlassen keine Eindrücke. Ich eile immer schneller auf den geheimnisvollen Ort zu. Nun stehe ich vor einem engen Felsentor, links und rechts lodern Flammen aus dem Stein, dahinter öffnet sich eine Höhle. Vor mir befindet sich eine Schwelle, es erscheint mir gleichzeitig unsagbar schwer und doch so leicht, sie zu übertreten. Nun bin ich in dem Raum, der die Antwort auf alle Fragen bereithält. Ich sehe auf mein Leben zurück aus tausend und abertausend verschiedenen Blickwinkeln. Vor mir liegt meine Lebenszeit in unendlich vielen Variationen. Ich betrachte alle und staune. Denn nur eine Einzige erscheint mir richtig: jene, die ich gelebt habe. Still und frei verlasse ich die Höhle wieder. Ich bin Glück, pures, reines Glück.